Nachhaltige Finanzmärkte

In Zeiten der Klimakrise reden wir in unserer Gesellschaft viel über unsere Ernährung, Erneuerbare Energien und Plastikmüll. Dank der Bewegung Fridays for Future wohl in einem Ausmaß, das wir bisher noch nicht kannten. Der Einfluss der Finanzwirtschaft auf unser Leben und die Umwelt ist dagegen eher ein Randthema. Doch das ändert sich gerade: das Thema nachhaltige Geldanlage und die Frage, welcher Bank wir unser Geld anvertrauen, gewinnen genauso an Aufmerksamkeit wie die Bedrohung des Finanzsystems als Ganzes durch den Klimawandel.

Geld und Investitionen sind entscheidende Stellschrauben für eine nachhaltige Zukunft. Die Finanzierungsentscheidungen von Banken und Investoren bestimmen die Investitionen von heute und damit unser Wirtschaftssystem von morgen.

Umso wichtiger ist es daher, dass Finanzmärkte nachhaltig ausgerichtet sind. Diese nachhaltige Ausrichtung wird oft unter dem Begriff Sustainable Finance zusammengefasst.

 

Was ist Sustainable Finance?

Sustainable Finance (deutsch: nachhaltiges Finanzwesen) beschreibt die nachhaltige Ausrichtung des Finanzsystems, von der Geldanlage bis zur Bankenaufsicht. Oft stehen dabei die drei zentralen Faktoren– Umwelt, Soziales und Governance (englisch: ESG-Faktoren) – im Vordergrund:

  1. Ökologische Erwägungen („E“ für Environment) beziehen sich auf den Klimaschutz und die Umwelt im weiteren Sinne, wie z. B. den Erhalt der biologischen Vielfalt, die Vermeidung von Umweltverschmutzung und die Kreislaufwirtschaft.
  2. Soziale Erwägungen („S“) beinhalten z.B. die Themen Ungleichheit, Inklusion, Arbeitnehmerrechte, Entlohnung und Menschenrechte.
  3. Unter Governance („G“) wird eine nachhaltige Unternehmensführung verstanden. Hierzu zählen z.B. Themen wie Unternehmenswerte oder Steuerungs- und Kontrollprozesse.

Das Ziel von Sustainable Finance ist, Nachhaltigkeitsrisiken zu berücksichtigen und zu erreichen, dass Finanzmärkte einen positiven Beitrag in den Bereichen Ökologie, Soziales und Governance leisten. Getrieben werden diese Bestrebungen vor allem durch die Dringlichkeit der Klimakrise und die Schlüsselrolle der Finanzmärkte, dieser entgegenzuwirken.

 

Fragile Finanzmärkte in Zeiten der Klimakrise

Der Weltklimarat IPCC stellte 2018 fest, dass schon eine Erwärmung von 1,5 Grad dramatische Folgen für das Leben auf der Erde hätte. Laut Berechnungen der Bank of England befinden wir uns derzeit auf einem Pfad, der zu einer Erderwärmung von 4°C führen würde. In einem solchen Szenario könnte küstennahen Region die komplette Wirtschaftsgrundlage genommen werden und viele Landstriche würden gänzlich unbewohnbar. Solche verheerenden Klimaschäden würden auch Banken und Versicherer in betroffenen Regionen hart treffen. Zentralbanker sehen den Klimawandel deshalb als eine der größten Bedrohungen für Finanzstabilität und Volkswirtschaften insgesamt. Um die größten Schäden zu vermeiden, müssten die Regierungen also mit den Verpflichtungen des Paris-Abkommens Ernst machen und auf den 1,5-Grad-Pfad umschwenken.

Das Problem: Nachhaltigkeitsrisiken sind heute nicht ausreichend transparent und deshalb noch nicht richtig eingepreist. Dieser Fehlanreiz führt dazu, dass viel Geld in Unternehmen und Projekten steckt, welche durch eine ambitioniertere Politik – und einer damit einhergehenden Einpreisung der Risiken – an Wert verlieren dürften. Drängt die Politik zum Beispiel auf einen schnelleren Ausstieg aus fossilen Energien als von Finanzakteuren aktuell erwartet wird, können bestehende Vermögensgegenstände wie Kohlekraftwerke auf einen Schlag stark an Wert verlieren und sogar zu sogenannten “Stranded Assets” (deutsch: gestrandete Vermögenswerte) werden. Stranded Assets bezeichnet Vermögenswerte, deren Marktwert durch bestimmte Faktoren – im Kontext von Sustainable Finance z.B. eine ambitioniertere CO2-Bepreisung – drastisch an Wert verlieren.

Stranded Assets können z.B. Finanzinstitute in Schwierigkeiten bringen, welche sehr stark in fossile Energien investiert haben. Solche Schocks können dann zu einer ausgewachsenen Finanzkrise führen. Untersuchungen zeigen, dass die Risiken für die Finanzmärkte erheblich sind – ungefähr 40% der Aktienanlagen von Pensionsfonds und Investmentfonds könnten zu Stranded Assets werden. Der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock hält beispielsweise immer noch Anteile an Kohlefirmen im Wert von mindestens 85 Milliarden US-Dollar, davon 24 Milliarden US-Dollar in Kohlefirmen, die ihre Kapazitäten weiter ausbauen wollen. Eine Ursache für die schlummernden Risiken im Finanzsektor ist, dass die Risikomodelle von Finanzakteuren schlicht nicht auf Klimarisiken ausgerichtet sind. Sie arbeiten mit historischen Daten und können die fundamentale Ungewissheit, Komplexität und etwaige Kipppunkte von Klimarisiken nicht abbilden. Im Ergebnis werden Klimarisiken weiterhin nicht richtig eingepreist und es gibt keinen finanziellen Anreiz, aus klimaschädlichen Aktivitäten auszusteigen. Das gefährdet die Finanzstabilität und kann zu Verlusten bei Anlegern führen.

 

Den Finanzsektor nachhaltig umbauen

Sustainable Finance setzt sich zum Ziel, die Leitplanken für den Finanzsektor so umzubauen, dass Nachhaltigkeitsrisiken richtig eingepreist und berücksichtigt werden. Expertinnen haben dazu viele sinnvolle Vorschläge unterbreitet, unter anderem:

  • Unternehmen sollten einheitlichere und umfassendere Nachhaltigkeitsinformationen offenlegen, damit Analysten deren Nachhaltigkeitsrisiken richtig bewerten können.
  • Finanzmarktakteure sollten vorrausschauende Risikomodelle nutzen. Aktuell werden Risiken vor allem auf Basis historischer Daten bewertet. Viele Nachhaltigkeitsrisiken fallen so durchs Raster.
  • Die Aufsicht sollte für Klimarisiken höhere Eigenkapitalunterlegungen verlangen, was Investitionen mit hohem Risiko teurer machen würde.
  • Die EU sollte die Klima-Resilienz von Banken in ihrem Bankenstresstest überprüfen. Dies würde Institute zwingen, sich besser auf klimabezogene Szenarien einzustellen. Einen solchen Klima-Stresstest bereitet die EZB derzeit für die großen, systemrelevanten Banken in Europa vor.
  • Die EZB sollte ihre Geldpolitik und ihre Bankenaufsicht am 1,5-Grad-Ziel ausrichten.
  • Förderbanken wie die KfW sollten sich am 1,5°-Ziel ausrichten und sich dementsprechend konkrete Klimaziele geben

Ein grüner Umbau des Finanzsystems löst nicht alle Probleme. Auch in nachhaltigen Finanzmärkten wird es höchstwahrscheinlich den Anreiz geben, kurzfristig zu handeln. Auch nachhaltige Finanzmärkte sind krisenanfällig und können zu einer Umverteilung von unten nach oben führen. Und der provisionsbasierte Vertrieb wird auch weiterhin dazu führen, dass Verbraucherinnen nicht die für sie besten, sondern die für den Verkäufer lukrativsten Finanzprodukte kaufen.

Nachhaltigkeitsbestrebungen dürfen deshalb keine Ausrede sein, die „klassischen“ Themen am Finanzmarkt nicht anzugehen. Trotzdem: Finanzmärkte können den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft beschleunigen – oder hemmen. Angesichts der fortschreitenden Klimakrisen können wir es uns heute schlicht nicht mehr leisten, die wirksamen Hebel des Finanzsektors für den Klimaschutz nicht zu nutzen.

 

Nachhaltige Geldanlagen

Viele Menschen legen heute Wert darauf, ihr Geld nach nachhaltigen Kriterien anzulegen. Was die Rendite angeht müssen sich nachhaltige Geldanlagen nicht verstecken. Einige Studien kommen zu positiven Ergebnissen. Finanztest hat z.B. 2017 die Ergebnisse nachhaltiger Fonds analysiert und festgestellt, dass diese eine ähnlich gute Rendite wie herkömmliche Fonds erzielen. Zum selben Ergebnis kommt eine im Journal of Sustainable Finance & Investment veröffentlichte Studie, welche ESG-Investments zurück bis in die 1970-er Jahre betrachtet.

Das Problem liegt vielmehr in den fehlenden einheitlichen Standards. Für Anlegerinnen ist es oft schwer zu bewerten, wie nachhaltig eine Geldanlage wirklich ist. Die Intransparenz kann dann ein Einfallstor für Greenwashing sein: Anbieter bieten Produkte an, die nicht so „grün“ sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Dieser Zustand schreckt einen Teil der Anlegerinnen vor nachhaltigen Investments ab. Und das Geld derjenigen, die sich dennoch dafür entscheiden, landet zum Teil in Investitionen, welche mit nachhaltigem Wirtschaften wenig zu tun haben.

Der öffentliche Sektor hat hier eine besondere Bedeutung und sollte eigentlich als Vorreiter vorangehen. Die Bundesregierung handelt aber seit Jahren entgegen ihrer eigenen Klimaschutzziele und legt immer noch Geld in Unternehmen der fossilen Energiewirtschaft an, z.B. über die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL). Die VBL  ist zuständig für die betriebliche Altersvorsorge von fast fünf Millionen Angestellten des Öffentlichen Dienstes und verwaltet 38,5 Milliarden Euro. Es wird daher gefordert, dass die Bundesregierung Verantwortung übernimmt, ihr Geld nachhaltig anlegt und so in einer Vorbildrolle die Wende am Finanzmarkt einleitet.

Neue Regeln für nachhaltige Geldanlagen sind schon weit fortgeschritten. Die EU-Kommission finalisiert im Rahmen ihrer „EU-Taxonomie“ gerade eine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit, die festlegt, welche Investitionen am Ende in einem nachhaltigen Finanzprodukt stecken dürfen. Basierend auf dieser Taxonomie will die -Kommission außerdem „grüne“ Finanzprodukte künftig mit dem EU Ecolabel kennzeichnen. Das Europäische Umweltzeichen existiert bereits seit 1992, um umweltfreundliche Produkte auszuzeichnen. Bislang galt das Siegel aber vor allem für Produkte wie Elektrogeräte und Textilien. Nun soll das EU Ecolabel auf Finanzprodukte ausgeweitet werden, zunächst auf Publikumsfonds und einige andere Kapitalanlage- und Versicherungsprodukte. Daneben arbeitet die EU-Kommission an einem Standard für nachhaltige Anleihen, sogenannte Green Bonds. Bereits beschlossen hat die EU neue Regeln zu Nachhaltigkeit in der Finanzberatung: Berater müssen bereits ab März 2021 transparent machen, wie sie Nachhaltigkeitsrisiken in die Beratung integrieren und wie umweltfreundlich die vertriebenen Produkte sind. Ab 2022 müssen zusätzlich die Wünsche der Anlegerinnen bezüglich der Nachhaltigkeit einer Anlage in der Beratung systematisch abgefragt werden.

In Deutschland hat der Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung zwischen 2019 und 2021 umfassende Empfehlungen für eine deutsche Sustainable Finance-Strategie vorgelegt. Finanzwende-Vorstand Gerhard Schick war als zivilgesellschaftlicher Vertreter mit dabei. Der Beirat fordert unter anderem eine nachhaltige Ausrichtung von öffentlich-rechtlichen Banken wie den Sparkassen und nachhaltige Anlagekriterien für Kapitalanlagen des Bundes. Mehr zur Arbeit des Beirats können Sie hier lesen.

Bei all den neuen Regeln zu nachhaltigen Geldanlagen gilt: Je verbindlicher sie sind, desto mehr Wirkung werden sie entfalten.

 

Fazit

Nachhaltige Finanzmärkte schaffen keine Wunder. Sie ersetzen nicht die Umweltpolitik mit ihren klaren Vorgaben und Verboten und auch keinen CO2-Preis mit Lenkungswirkung. Und nur weil Finanzmärkte „grüner“ werden, heißt das immer noch nicht das sie auch stabil und sozial sind. Nachhaltige Finanzmärkte sind aber nichtsdestotrotz eine relevante Stellschraube in der Wende zum ökologischen und sozialen Wirtschaften und im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Experten haben eine Reihe an Vorschlägen auf den Tisch gelegt. Jetzt kommt es auf eine zügige, umfangreiche und verbindliche Umsetzung an.